Kulturvergleichende Psychologie

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Kulturvergleichende Psychologie

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978-3-662-57664-9

Dieses Lehrbuch der Kulturpsychologie bzw. der Kulturvergleichenden Psychologie klärt spannende Fragen zu Unterschieden und Gemeinsamkeiten zwischen den Kulturen: Sind Menschen anderer kultureller Herkunft anders als wir? Oder verstecken sich unter der Oberfläche des Exotischen oder bedrohlich Fremden ähnliche Tiefenstrukturen des Denkens, Fühlens und Handelns? Warum aber treten augenfällige Unterschiede im Verhalten auf, und wie sind sie zu erklären?

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In unserer globalisierten Welt, in der aufgrund von Wirtschaftsbeziehungen, Internet-Kommunikation und Migrationsbewegungen immer häufiger Angehörige unterschiedlicher Kulturen aufeinandertreffen, werden diese Themen zunehmend emotional diskutiert – die Kulturpsychologie antwortet darauf mit wissenschaftlich fundierten Beiträgen. Darüber hinaus versteht sie sich als fächerübergreifende Disziplin, die die im westlichen Kulturkreis ermittelten und vermeintlich allgemeingültigen psychologischen Gesetzmäßigkeiten im Wahrnehmen, Empfinden und Denken einer kritischen Prüfung unterzieht. 

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BegriffErklärung
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Abhängige VariableDiese Variablen werden nicht durch den Forscher bestimmt. Ihre jeweiligen Ausprägungen ergeben sich in Abhängigkeit von den unabhängigen Variablen.
AdaptationVeränderung des Erbguts einer Population, die auf eine natürliche Selektion als Folge von veränderten Umweltbedingungen zurückzuführen ist.
AkkulturationHineinwachsen in eine Aufnahmekultur, also eine Kultur, die nicht der Herkunftskultur des jeweiligen Menschen entspricht.
Autoritärer FührungsstilBetont die Kontrolle der Mitarbeiter bei der Erfüllung der anstehenden Arbeitsaufgaben.
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Frage 1 von 43
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  • Beschreiben Sie den Unterschied zwischen der Kulturvergleichenden Psychologie (culture-comparative psychology) und der Kulturpsychologie (cultural psychology).

    Lösung

    Ziel der Kulturvergleichenden („cross-cultural“) Psychologie ist die Untersuchung der Beziehung zwischen einerseits psychologischen Merkmalen und andererseits kulturellen Merkmalen. Ziel der Kulturpsychologie („cultural psychology“) ist die Untersuchung der Art und Weise, wie sich kulturelle Traditionen und soziale Praktiken im Erleben und Verhalten ausdrücken.
    Der Unterschied zwischen beiden Richtungen besteht in den zugrundeliegenden Annahmen: Die Kulturvergleichende Psychologie geht von der Annahme aus, dass es universelle psychische Strukturen und Prozesse gibt, die aber kulturspezifische Veränderungen aufweisen können. Die Kulturpsychologie geht dagegen von der Annahme einer grundlegenden kulturbedingten Verschiedenheit psychischer Strukturen und Prozesse aus.
    (Abschn. 1.2, S. 2)
    Die Unterscheidung zwischen den beiden Richtungen wird in Abschn. 2.1.1 als „etische“ versus „emische“ Sichtweise wieder aufgegriffen (S. 15).
  • Charakterisieren Sie die Doppeldeutigkeit des Begriffs „Kultur“.

    Lösung

    Man unterscheidet einen universellen und einen spezifischen Aspekt. Gemäß dem universellen Aspekt wird Kultur als Konsequenz einer stammesgeschichtlichen Traditionsbildung verstanden, die zur „natürlichen“ Ausstattung aller Menschen gehört. Der spezifische Aspekt bezieht sich auf die jeweils unterschiedlichen Ausprägungsformen der Kultur. Als typische Ausprägungsform einer Gesellschaft bezieht sich Kultur auf die Gesamtheit der innerhalb einer sozialen Gemeinschaft geteilten Lebenswelt und umfasst sowohl die äußeren Umgebungsbedingungen als auch die Muster des Denkens, Empfindens und Handelns.
    (Abschn. 1.4, S. 4 f.)
  • Beschreiben Sie Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den psychologischen Teildisziplinen Differentielle Psychologie und Kulturvergleichende Psychologie.

    Lösung

    Gemeinsamkeiten: Ebenso wie die Differentielle Psychologie beschäftigt sich die Kulturvergleichende Psychologie mit der Beschreibung und Erklärung von Unterschieden zwischen verschiedenen Menschen.
    Unterschiede: Während die Differentielle Psychologie auf der Ebene des einzelnen Individuums untersucht, was einen bestimmten Menschen von anderen Menschen unterscheidet, stehen bei der Kulturvergleichenden Psychologie Unterschiede zwischen verschiedenen Kulturen im Mittelpunkt der Betrachtung.
    (Abschn. 1.3, S. 4)
  • Nennen Sie den Unterschied zwischen einem hypothetischen Konstrukt und einem Indikator. Geben Sie ein Beispiel.

    Lösung

    Ein hypothetisches Konstrukt ist ein theoretischer Begriff, der nicht direkt beobachtbar ist. Im Unterschied dazu bezieht sich ein Indikator auf beobachtbare Phänomene, die als Ausdruck des Inhalts des hypothetischen Konstrukts dienen und die mittels einer bestimmten Messoperation zugänglich gemacht werden.
    Beispiel: Intelligenz als hypothetisches Konstrukt, Testleistung in einem Intelligenztest als Indikator.
    (Abschn. 2.2, S. 20)
  • Geben Sie ein Beispiel für eine Nichtübereinstimmung von materialer und funktionaler Äquivalenz.

    Lösung

    Eine äußerlich vergleichbare Verhaltensweise wie ein Lächeln (materiale Äquivalenz) kann freundliche Zuwendung, aber auch Feindseligkeit gegenüber einer anderen Person bedeuten (keine funktionale Äquivalenz). Umgekehrt können äußerlich unterschiedliche (d. h. material ungleiche) Verhaltensweisen Indikatoren desselben psychologischen Konstrukts sein (d.h. sie sind funktional äquivalent). Beispielsweise könnte sich Aggression – je nach Kultur – sowohl in lauter Beschimpfung als auch in hartnäckigem Schweigen äußern.
    (Abschn. 2.2.2, S. 23)
  • Erklären Sie den Unterschied zwischen Differenzierungsstudien und Generalisierungsstudien.

    Lösung

    Differenzierungsstudien untersuchen Unterschiede im Denken, Erleben und Verhalten in Abhängigkeit von kulturellen Faktoren. Es sollen kulturelle Faktoren als Einflussgrößen für individuelles Verhalten gefunden werden.
    Generalisierungsstudien streben kulturübergreifende Verallgemeinerungen psychologischer Gesetzmäßigkeiten an. Man will herausfinden, ob sich spezifische Untersuchungsergebnisse in anderen Kulturen replizieren lassen.
    (Abschn. 2.1.1, S. 15 f.)
  • Charakterisieren Sie das quasi-experimentelle Vorgehen und geben Sie ein Beispiel.

    Lösung

    Beim quasi-experimentellen Vorgehen werden kulturelle Faktoren als unabhängige Variablen eingesetzt und in ihrer Auswirkung auf bestimmte abhängige Variablen untersucht. Als „quasi-experimentell“ wird das Vorgehen deshalb bezeichnet, weil ein kultureller Faktor keine echte experimentelle Bedingungsvariation zulässt, sondern eine „organismische“ Variable darstellt. Im Unterschied zu einem experimentellen Faktor können im Falle einer organismischen Variablen die Individuen den einzelnen Faktorstufen vom Experimentator nicht willkürlich zugeordnet werden. Sie können lediglich nach ihrer – unabhängig von der Untersuchung bestehenden – „natürlichen“ Zugehörigkeit zu einer bestimmten Faktorstufe ausgewählt werden. Der Versuchsplan erlaubt daher nicht, auftretende Unterschiede in der abhängigen Variablen kausal auf die Variation der unabhängigen Variablen zurückzuführen.
    (Abschn. 2.3, S. 31 f.)
    Ein Beispiel wäre die Auswirkung der kulturellen Orientierung (unabhängige Variable) mit den Stufen „individualistisch“ und „kollektivistisch“ auf die Ausprägung analytischen vs. holistischen Denkens (abhängige Variable).
    (Abschn. 2.3, S. 27)
  • Erläutern Sie die Grundbegriffe der Evolution.

    Lösung

    Die auf Darwin zurückgehende Evolutionslehre beschreibt die stammesgeschichtliche Entwicklung (Phylogenese) der Lebewesen (als Gattungswesen) von „niederen“ zu „höheren“ Formen.
    Es wird angenommen, dass sich biologische Arten – also auch das Menschengeschlecht – im Laufe der Zeit verändern und dass die natürliche Selektion der Motor dieser Veränderungen ist.
    Wesentlich für die Evolution ist die genetische Vielfalt der einzelnen Individuen innerhalb einer Art. Wenn ein bestimmtes erbliches Merkmal die Wahrscheinlichkeit des Überlebens und der weiteren Fortpflanzung steigert, wird sich die Häufigkeit dieses Merkmals bei den nachfolgenden Generationen erhöhen. Individuen, die dieses Merkmal besitzen, zeichnen sich nach Darwin durch eine höhere „Fitness“ im Vergleich zu Individuen ohne dieses Merkmal aus. Die erhöhte Fitness führt wegen der besseren Chancen zur Fortpflanzung zu einer höheren Fortpflanzungsrate. Über viele Generationen hinweg führt die in Abhängigkeit von der Fitness unterschiedliche Fortpflanzungsrate zu systematischen Veränderungen der Gesamtpopulation. Dieser Prozess wurde von Darwin als „natürliche Selektion“ bezeichnet und als kausaler Faktor der Veränderung unter dem Druck der jeweiligen Umweltbedingungen aufgefasst.
    (Abschn. 3.1)
    Typische Selektionsprozesse sind Mutation und Adaptation.
    Mutationen sind spontan auftretende Veränderungen des Erbgutes. In den meisten Fällen führen sie dazu, dass die von ihnen betroffenen Individuen nicht mehr überlebensfähig sind, jedoch können bestimmte Mutationen auch zu dauerhaften Veränderungen im Erbgut von Generationen führen. (Abschn. 3.1, S. 45)
    Adaptation bedeutet (in der Evolutionsbiologie) Anpassung des Erbgutes einer Population an veränderte Umweltbedingungen. (Abschn. 3.2, S. 46)
  • Erläutern Sie den Begriff des genetischen Gleichgewichts.

    Lösung

    Eine Population befindet sich dann im genetischen Gleichgewicht, wenn sie sich über Generationen hinweg nicht verändert. Hiermit befasst sich das Hardy-Weinberg-Gesetz. Nach diesem Gesetz ergibt sich ein genetisches Gleichgewicht in einer hinreichend großen Population mit stabilen Umweltbedingungen unter zwei Voraussetzungen: Erstens dürfen keine Veränderungen in den erblichen Merkmalen (Genen und Allelen) auftreten und zweitens muss die Paarung der Individuen nach Zufall erfolgen.
    Beide Voraussetzungen sind bei menschlichen Populationen in der Regel nicht erfüllt. Veränderungen in der Ausprägung der erblichen Merkmale können spontan als Mutationen auftreten. Auch findet bei menschlichen Populationen normalerweise keine Zufallspaarung statt, sondern eine gezielte Partnerwahl. Damit ist das genetische Gleichgewicht gestört, und es tritt eine natürliche Selektion auf.
    (Abschn. 3.1, S. 44 f.)
  • Erläutern Sie den Begriff der Fitness.

    Lösung

    Der Begriff der Fitness geht auf Darwin zurück, der darin den biologischen Zweck der Anpassung (Adaptation) des Individuums an eine sich verändernde Umwelt sah. Im Laufe der Zeit erfuhr der Begriff jedoch eine Bedeutungsänderung. Während Darwin die Fitness auf der Ebene des Individuums („survival of the fittest“) ansetzte, nahm der Verhaltensforscher Konrad Lorenz an, dass die Fitness der Erhaltung der Art dient. Die Soziobiologie (Dawkins) setzt dagegen die Fitness auf der Ebene der Gene an. Motor des menschlichen Verhaltens sei der „Eigennutz der Gene“ mit dem Ziel der Maximierung der Gesamtfitness („inclusive fitness“). Diese setzt sich zusammen aus der direkten Fitness, d. h. der Zahl der erfolgreich aufgezogenen eigenen Nachkommen, und der indirekten Fitness, d. h. der Zahl erfolgreich aufgezogener Nachkommen von Verwandten.
    (Abschn. 3.1 und 3.2, S. 44, S. 46)
  • Charakterisieren Sie die Doppeldeutigkeit des Begriffs „Natur“.

    Lösung

    In der Kulturvergleichenden Psychologie existieren zwei unterschiedliche Bedeutungen des Begriffs „Natur“, die mit unterschiedlichen Fragestellungen einhergehen: Zum einen ist „Natur“ definiert als die der Menschheit als Gattung gemeinsame genetische Ausstattung – die so genannte universelle Natur. Man fragt hier nach den im Erbgut begründeten, allgemeinen Gesetzmäßigkeiten des menschlichen Verhaltens über alle Kulturen hinweg. Dem gegenüber steht ein Naturbegriff, welcher gerade die Unterschiede in der biologischen Ausstattung der Menschen als Bedingungsfaktoren für das Entstehen verschiedener Kulturen zu identifizieren sucht – die so genannte differenzielle Natur. Hier interessiert man sich für den relativen Beitrag von spezifischer genetischer Ausstattung („Anlage“) und spezifischen soziokulturellen Bedingungen („Umwelt“) beim Zustandekommen von Unterschieden zwischen verschiedenen Kulturen oder Populationen.
    (Abschn. 4.1, S. 51 f.)
  • Übertragen Sie die Logik der Zwillingsmethode auf den Kulturvergleich. Zeigen Sie Schwächen dieser Vorgehensweise auf.

    Lösung

    Die aus der Differentiellen Psychologie stammende Zwillingsmethode versucht den relativen Beitrag von Anlage und Umwelt beim Entstehen individueller Merkmalsausprägungen abzuschätzen.
    Der relative Anteil der Umwelt wird dadurch abgeschätzt, dass man eineiige Zwillinge (EEZ), die in derselben Umwelt aufgewachsen sind, mit eineiigen Zwillingen vergleicht, die in unterschiedlichen Umwelten aufgewachsen sind.
    Der relative Anteil der Anlage wird ermittelt, indem gemeinsam aufgewachsene eineiige Zwillinge mit gemeinsam aufgewachsenen zweieiigen Zwillingen (ZEZ) verglichen werden.
    Als Vergleichsmaß gilt hierbei die Korrelation zwischen dem Testwert des einen Zwillings (z. B. IQ-Wert) mit dem des anderen.
    Eine Übertragung ihrer Logik auf den Kulturvergleich beruht auf dem Ansatz, „Umwelt“ mit „Kultur“ und „Anlage“ mit „Natur“ gleichzusetzen. Zur Abschätzung des Beitrags der Kultur (Umwelt) könnte man genetisch ähnliche Individuen (z. B. Japaner), die in einer bestimmten Kultur aufwachsen (z. B. in Japan), mit solchen vergleichen, die in einer anderen Kultur aufwachsen (z. B. in den USA). Zur Abschätzung des Beitrages der Natur (Anlage) könnten genetisch ähnliche Individuen (z. B. Japaner) mit genetisch unähnlichen Individuen (z. B. US-Amerikanern) innerhalb ein- und derselben Kultur (z. B. in Japan) verglichen werden. Als Vergleichsmaß gelten Mittelwertunterschiede.
    Eine entscheidende Schwäche dieser Vorgehensweise liegt in der eingeschränkten Interpretierbarkeit der ermittelten Unterschiede, da es sich sowohl bei der Kulturzugehörigkeit als auch bei der genetischen Ausstattung um „organismische Variablen“ handelt, die immer „gebündelt“ mit anderen Variablen auftreten, so dass ihr Einfluss nicht isoliert untersucht werden kann.
    (Abschn. 4.2, S. 53-55; siehe auch Kapitel 2, Frage 4)
  • Begründen Sie, warum genetische Ausstattung und Kultur keine voneinander unabhängigen Größen sind.

    Lösung

    Genetische Ausstattung und Kultur können sich gegenseitig beeinflussen. Kulturtraditionen können sich aus dem Zusammenspiel von sozial vermittelten Informationsstrukturen und genetischer Selektion herausbilden. Eine treibende Kraft kann der mit bestimmten Eigenschaften und Handlungsweisen verbundene Prestigewert sein. Diese Eigenschaften und Handlungsweisen werden gegenüber anderen bevorzugt und ausgebaut. Gleichzeitig werden bei der Partnerwahl Individuen bevorzugt, die die in einer Kultur hoch bewerteten Eigenschaften in hohem Maße aufweisen, so dass sich ebenfalls über den Weg der genetischen Selektion die Ausprägung der hoch bewerteten Eigenschaften verstärkt.
    (Abschn. 4.2, S. 55)
  • Definieren Sie die Begriffe „Kulturkreis“ und „Kulturdimension“.

    Lösung

    „Kulturkreis“ ist ein Sammelbegriff für einander ähnliche Kulturen, die markante kulturrelevante Gemeinsamkeiten in einer Vielzahl von Faktoren aufweisen, z. B. hinsichtlich geografischer Lage, Sprache, religiöser Überzeugungen, Erziehungspraktiken usw.
    „Kulturdimensionen“ sind definierbar als Faktoren („traits“), die sich sowohl zur Charakterisierung als auch zur Unterscheidung einzelner Kulturen eignen. Jeder Kultur kann ein eigener Ausprägungswert zugewiesen werden. Im Idealfall sind die Faktoren als Dimensionen koordinatenbasiert darstellbar, sodass sich jede Kultur als spezifische Ausprägungskombination repräsentieren lässt.
    (Abschn. 5.1, S. 59)
  • Beschreiben Sie das Vorgehen von Geert Hofstede zur Ermittlung von Kulturdimensionen.

    Lösung

    Hofstede ging davon aus, dass alle Gesellschaften mit ähnlichen Grundproblemen konfrontiert sind, sich aber hinsichtlich der Lösungsansätze für diese Probleme unterscheiden. Er identifizierte zunächst vier Grundprobleme, denen er später zwei weitere hinzufügte.
    Hofstede führte umfangreiche Befragungen über Einstellungen und Werte von Probanden aus zunächst über 50 (später über 90) verschiedenen Ländern – alles Mitarbeiter in einem multinationalen Konzern (der Firma IBM) – durch. Die erhaltenen Daten wurden mittels Korrelationen auf Ähnlichkeiten überprüft und mittels Faktorenanalysen auf zunächst vier und später sechs Dimensionen („Faktoren“) reduziert.
    Es entstanden die Dimensionen „Individualismus-Kollektivismus“, „Machtdistanz“, „Maskulinität-Femininität“, „Unsicherheitsvermeidung“, „kurzfristige vs. langfristige Zeitorientierung“ und „Nachsicht“ in Form von bipolaren Skalen. Die ermittelten Dimensionen entsprechen den Lösungen der sechs Grundprobleme. Die beiden Pole einer Dimension repräsentieren die jeweiligen Extremausprägungen. Den einzelnen Ländern ordnete Hofstede Maßzahlen zu, die den Ausprägungsgrad des Faktors angeben. Jedes Land wird sodann als spezifische Ausprägungskombination dargestellt.
    (Abschn. 5.2, S. 60-63)
  • Erläutern Sie Zielsetzung und Inhalt des Human Development Index (HDI).

    Lösung

    Der Human Development Index (HDI) verfolgt das Ziel, die Lebensbedingungen eines Landes auf einer gemeinsamen Dimension mit unterschiedlichen Ausprägungsgraden zu repräsentieren. Er gilt als Indikator (Index) für die menschliche Entwicklung in den Ländern der Welt und kann auch als Indikator des Grades der Zivilisation aufgefasst werden.
    Der HDI berücksichtigt das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Einwohner eines Landes als KKP (Kaufkraftparität bzw. Einkommen) in US-Dollar, die Lebenserwartung und den Bildungsgrad (Alphabetisierungsrate und Einschulungsrate der Bevölkerung).
    Der Faktor „Lebenserwartung“ gilt als Indikator für Gesundheitsfürsorge, während „Bildungsgrad“ und „Einkommen“ erworbene Kenntnisse und Teilhabe am öffentlichen und politischen Leben widerspiegeln sollen. Für jeden der drei Indikatoren werden Teilindizes gebildet, die dann gewichtet zu einem Gesamtindex kombiniert werden.
    Auf der Basis dieses Indexes, der zwischen 0 und 1 variieren kann, werden sehr hoch entwickelte Länder (HDI ? 0,8), hoch entwickelte Länder (0,7 ? HDI < 0,8), mittelmäßig entwickelte Länder (0,55 ? HDI < 0,7) und gering entwickelte Länder (HDI < 0,55) voneinander unterschieden.
    (Abschn. 5.9, S. 72)
  • Charakterisieren Sie den Unterschied zwischen der nativistischen und der empiristischen Position in Bezug auf die menschliche Wahrnehmung.

    Lösung

    Die Annahme der nativistischen Position ist, dass allein die biologisch-physiologische Ausstattung des Menschen Grundlage für dessen Wahrnehmungsleistung ist. Danach sind z. B. die Informationen, die das zweidimensionale Bild auf der Netzhaut des Auges liefert, vollkommen ausreichend, um im Gehirn ein dreidimensionales Bild der Welt zu generieren, weil die entsprechenden Hirnareale für diesen Transformationsprozess bereits „von Natur aus“ passend strukturiert sind.
    Die empiristische (auch: interaktionistische) Position hingegen sieht in der Wahrnehmung einen von Erfahrungen abhängigen Lernprozess. Erst durch die aktive Interaktion des Menschen mit seiner Umwelt kann der Mensch den Gebrauch seiner Sinnesorgane einüben und die nötigen Erfahrungen machen, um eine zur praktischen Lebensbewältigung sinnvolle Wahrnehmungswelt entstehen zu lassen. Ein Beispiel ist die Wahrnehmung eines Objektes als dreidimensionales Gebilde, obwohl auf der Retina nur eine zweidimensionale Abbildung repräsentiert ist.
    (Abschn. 6.1, S. 75 f.)
  • Begründen Sie, warum man so genannte optische Täuschungen im Kulturvergleich untersucht hat.

    Lösung

    Man wollte prüfen, ob bzw. inwieweit die Wahrnehmungsorganisation von der Erfahrung abhängt. Ausgangspunkt ist die von Brunswik entwickelte Theorie des transaktionalen Funktionalismus. Sie besagt, dass der Mensch aufgrund früherer Erfahrungen die sensorisch eingehenden Reize so strukturiert und überträgt (transaktional), dass sie der konkreten Lebensbewältigung dienen können (funktional). Danach rufen identische Reizmuster in Abhängigkeit von der jeweiligen Umwelt unterschiedliche Wahrnehmungsleistungen hervor, da die einzelnen Umwelten unterschiedliche Arten von Anpassungsleistungen erfordern. Unter „Umwelt“ ist hierbei die „ökokulturelle“ Lebenswelt zu verstehen, die sowohl die geografischen Gegebenheiten als auch deren kulturelle Überformungen umfasst. Der Kulturvergleich stellt eine Möglichkeit zur Überprüfung dieser Theorie dar.
    Als Untersuchungsgegenstand dienen in diesem Fall die aus der Wahrnehmungspsychologie als „optische Täuschungen“ bekannten Phänomene. Entsprechend der Brunswikschen Theorie stellen die „Täuschungen“ ökologisch sinnvolle wahrnehmungsmäßige „Korrekturen“ einer atypischen Aufgabenstruktur dar. Atypisch ist diese Struktur insofern, als eine zweidimensionale Reizvorlage (bestehend aus einzelnen Linien), die im Alltagsleben normalerweise als Abbildung einer räumlichen Konfiguration dreidimensional wahrgenommen wird, zur Bewältigung der experimentell vorgegebenen Aufgabenstellung (Schätzung der Länge der Linien) zweidimensional interpretiert werden muss. Das Ausmaß der Täuschung sollte in Abhängigkeit von der Erfahrung mit den jeweiligen dreidimensionalen Gebilden unterschiedlich ausfallen.
    Ausgehend von diesen Überlegungen prüften Segall et al. (1966) in einer quasi-experimentellen Untersuchung die Hypothese, dass ein Individuum in Abhängigkeit von seinem ökologisch-kulturellen Umfeld für bestimmte Arten von optischen Täuschungen besonders stark und für andere kaum anfällig sein sollte. Probanden, in deren Umgebung viele rechte Winkel auftreten („carpentered world“), sollten für Winkeltäuschungen wie die Müller-Lyer-Täuschung besonders anfällig sein; und Probanden, deren Umfeld viel Erfahrung mit Raumtiefe zulässt, sollten besonders leicht der Horizontal-Vertikal-Täuschung erliegen.
    (Abschn. 6.2, S. 76-78)
  • Erläutern Sie die so genannte Sapir-Whorf-Hypothese.

    Lösung

    Die Sapir-Whorf-Hypothese stellt eine besondere Form der empiristischen Position der Wahrnehmung dar. Sie besagt, dass die Wahrnehmung von der jeweiligen Muttersprache eines Menschen abhängt. Ausgangspunkt ist die Feststellung, dass sich die verschiedenen Sprachen darin unterscheiden, wie sie die sinnlich erfahrbare Welt mithilfe der zur Verfügung stehenden Wörter und Satzkonstruktionen gliedern. Nach Sapir und Whorf betrifft diese von der jeweiligen Sprache auferlegte Kategorisierung nicht nur den Ausdruck von Vorstellungen und Gedanken, sondern wirkt sich bereits auf die Wahrnehmung der Objektwelt aus. Diese These ist als „linguistisches Relativitätsprinzip“ bzw. als „Sapir-Whorf-Hypothese“ in die Forschungsliteratur eingegangen.
    (Abschn. 6.3, S. 79 f.)
    Die Sapir-Whorf-Hypothese wird erneut in Abschn. 7.3.3 aufgegriffen. Dort wird die Abhängigkeit der Gedächtnisspanne von der Muttersprache untersucht (S. 93 f.).
  • Beschreiben Sie Ansätze zur Erforschung der allgemeinen Intelligenz im Kulturvergleich. Nennen Sie die Schwächen dieser Ansätze.

    Lösung

    Die allgemeine Intelligenz kann entweder im Sinne des Generalfaktormodells von Spearman als gemeinsame Basis vieler unterschiedlicher Testaufgaben oder als kontextfreie Grundbefähigung zur Informationsaufnahme und -verarbeitung konzipiert werden.
    Im Sinne des Generalfaktormodells operationalisieren verschiedenartige Testaufgaben in ihrer Gesamtheit als g-Faktor das Konstrukt „Intelligenz“ und bilden es auf einer gemein-samen Skala ab. Maßgeblich ist nicht der Inhalt der einzelnen Aufgaben, sondern deren Gesamtstruktur und Repräsentativität für das Konstrukt „Intelligenz“.
    Für den Kulturvergleich ergibt sich daraus die Forderung, dass sowohl die Struktur als auch die Auswahl der Testaufgaben vergleichbar sein muss. Beide Postulate gleichzeitig sind jedoch kaum erfüllbar, da eine Strukturgleichheit (d. h. vergleichbare Korrelationen zwischen den Einzelaufgaben) nur unter Inkaufnahme einer unterschiedlichen Repräsentativität der Einzelaufgaben für das Gesamtkonstrukt herstellbar ist. Damit ist eine konzeptuelle Äquivalenz (vgl. Abschn. 2.2.2, S. 22) des Konstrukts „Intelligenz“ nicht herstellbar, und bei gleicher beobachteter Leistung kann bei unterschiedlichen Kulturen nicht auf eine vergleichbare Kompetenzstruktur geschlossen werden.
    Theoretisch ist allerdings auch gar nicht zu erwarten, dass eine konkrete Aufgabenauswahl eine repräsentative Auswahl aus einem für alle Kulturen gemeinsamen Aufgabenuniversum darstellt, denn die Definition dessen, was insgesamt als „intelligentes“ Verhalten gilt, ist immer kulturell vermittelt, nämlich als die Bewältigung der in der jeweiligen Kultur bedeutsamen kognitiven Leistungen. Da manche Leistungen innerhalb der einen Kultur hoch geschätzt werden, innerhalb einer anderen aber wenig Beachtung erfahren, muss die Definition einer allgemeinen Intelligenz per se kulturspezifisch sein.
    Begreift man die allgemeine Intelligenz als eine Grundbefähigung zur Informationsaufnahme und -verarbeitung, wird sie als erfahrungsunabhängige Voraussetzung sowohl für den Wissenserwerb als auch für die Ausbildung spezifischer Fähigkeiten konzipiert. Diese so genannte „flüssige“ („fluid“) Intelligenz wird von einer „kristallinen“ („crystallized“) Intelligenz abgegrenzt, die das Ergebnis der individuellen Auseinandersetzung mit der soziokulturellen Umwelt darstellt.
    Als prototypisches Verfahren zur Messung der flüssigen Intelligenz galt lange Zeit der „Progressive Matrices“-Test (Raven’s Progressive Matrices. Die Testaufgaben erfordern, elementare Prinzipien der Musterbildung zu erkennen. Ihrer abstrakten Art wegen beanspruchten sie, „kulturfair“ zu sein.
    Dieser Anspruch ließ sich aber nicht einlösen. Durch einen Generationenvergleich in mehreren Industrienationen konnte gezeigt werden, dass der Test keinesfalls „kulturfair“ ist: Das mittlere Gesamtniveau der gemessenen Intelligenz ist über den Untersuchungszeitraum von 30 Jahren massiv angestiegen („Flynn-Effekt“). Die am meisten einleuchtende Erklärung für den Intelligenz-„Anstieg“ ist die mit der Industrialisierung und Technisierung einhergehende zunehmende Vertrautheit mit abstrakten visuellen Mustern. Daraus lässt sich schließen, dass die Testaufgaben keinesfalls erfahrungs- und kulturunabhängig sind.
    Die Schwäche beider Ansätze besteht also darin, dass eine kulturübergreifende Äquivalenz der Testaufgaben nicht herstellbar ist.
    (Abschn. 7.2, S. 86-88)
  • Erläutern Sie Zielsetzung und Vorgehen der PISA- und TIMSS-Studien.

    Lösung

    Die Zielsetzung der PISA- und TIMSS-Studien ist ein internationaler Ländervergleich der im Schulunterricht erworbenen Fähigkeiten in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften (PISA) bzw. in Mathematik und Naturwissenschaften (TIMSS).
    Die Testaufgaben wurden so ausgewählt, dass eine für alle Teilnehmerstaaten vergleichbare Faktorstruktur resultierte, die die Abbildung der jeweiligen Fähigkeitsausprägung auf einer gemeinsamen Skala erlaubt.
    (Abschn. 7.2, S. 88 f.)
  • Definieren Sie die Begriffe „analytisches Denken“ und „holistisches Denken“.

    Lösung

    „Analytisches Denken“ – genauer: „analytisch separierendes Denken“ – einerseits und „holistisches Denken“ – genauer: „holistisch verbindendes“ Denken – andererseits kennzeichnen zwei unterschiedliche Arten (Modi) des Denkens.
    „Analytisches Denken“ ist definiert als eine Denkweise, die Gegensätze konstruiert, während „holistisches Denken“ eine Denkweise, die Gegensätze harmonisiert, kennzeichnet. Es wird angenommen, dass die analytische Denkweise typisch für individualistische Kulturen und die holistische Denkweise typisch für kollektivistische Kulturen ist.
    (Abschn. 7.3.1, S. 90)
  • Beschreiben Sie eine Untersuchung zur kulturspezifischen Manifestation von Emotionen. Ziehen Sie Schlussfolgerungen aus den Ergebnissen.

    Lösung

    Ekman und Friesen (1971) untersuchten die Manifestation von Furcht in einer quasi-experimentellen Versuchsanordnung, bei der ein Horrorfilm sowohl amerikanischen als auch japanischen Probanden gezeigt wurde.
    Zusätzlich wurde die soziale Situation variiert: Ein Proband betrachtete den Film entweder für sich alleine (also unbeobachtet) oder zusammen mit anderen Personen (also beobachtet). Als abhängige Variable diente der Gesichtsausdruck der Probanden.
    Es stellte sich heraus, dass die Amerikaner durchgängig einen Gesichtsausdruck zeigten, der Furcht erkennen ließ, und zwar unabhängig von der sozialen Situation.
    Dagegen zeigten die Japaner den furchtindizierenden Gesichtsausdruck nur dann, wenn sie unbeobachtet waren. Wenn sie mit anderen Personen zusammen waren, war in ihren Gesichtern keine Furcht zu erkennen, sondern sie reagierten mehrheitlich mit einem Lächeln.
    Schlussfolgerungen: Ekman und Friesen schließen aus ihrer Untersuchung, dass es – wie schon von Darwin (1872) angenommen – universelle „Tiefenstrukturen“ im Gefühlsausdruck gibt, die aber durch kulturell geprägte Normen, so genannte Darbietungsregeln („display rules“), überlagert werden. So gilt es im westlichen Kulturraum als angemessen, negative Emotionen wie Furcht, Traurigkeit oder Ärger offen zu zeigen, während in Ostasien eher Zurückhaltung erwartet wird.
    (Abschn. 8.3.5, S. 114 f.)
  • Erläutern Sie, was man unter „Darbietungsregeln“ („display rules“) versteht. Geben Sie ein Beispiel.

    Lösung

    Unter Darbietungsregeln („display rules“) versteht man kulturell geprägte Verhaltensmuster, die vorschreiben, in welchen Situationen und auf welche Weise auftretende Emotionen ausgedrückt werden dürfen oder sogar müssen, und in welchen Situationen sie eher unterdrückt oder sogar maskiert (z. B. durch ein Lächeln) werden sollen.
    Die kulturellen Darbietungsregeln können alle auftretenden Emotionen betreffen. Als Beispiel kann Scham dienen. Hier wird vermutet, dass der Ausdruck der Scham in westlich-individualistischen Kulturen mit Kontrollverlust assoziiert wird und daher unterdrückt werden sollte, während er in östlich-kollektivistischen Kulturen als Mittel zur Konfliktlösung dient und daher offen gezeigt werden darf.
    (Abschn. 8.3.5, S. 115).
  • Beschreiben Sie das Vorgehen von Untersuchungen zum Erkennen von Emotionen. Ziehen Sie Schlussfolgerungen aus den Untersuchungen.

    Lösung

    Bei Untersuchungen zum Erkennen von Emotionen wird normalerweise die absichtliche Darstellung von Emotionen eingesetzt.
    Die Untersuchungen gehen auf Darwin zurück, der Fotos mimisch dargestellter Emotionen Angehörigen ganz unterschiedlicher Kulturen mit der Bitte vorlegte, die dargestellte Emotion zu benennen. Zahlreiche Untersuchungen bedienen sich dieser Technik, wobei nicht nur Fotografien, sondern auch Stimmproben und Video-Aufzeichnungen eingesetzt werden. Für gewöhnlich besteht das vorgelegte Material aus schauspielerischen Darstellungen der sechs Grundemotionen (Freude, Überraschung, Furcht, Traurigkeit, Ärger und Ekel).
    Aufgabe der Probanden ist, die Darstellungen jeweils einer der vorgegebenen Antwortalternativen (Bezeichnungen der sechs Grundemotionen) zuzuordnen. Als abhängige Variable dient die Genauigkeit der Zuordnung.
    Studien dieser Art ergaben durchweg eine signifikant über dem Zufall liegende Genauigkeit der Zuordnung sogar dann, wenn die Darsteller einer fremden Kultur angehörten. Kulturübergreifend konnte „Freude“ am besten identifiziert werden; „Furcht“ und „Ekel“ wurden am schlechtesten erkannt.
    Schlussfolgerungen: Die Untersuchungen belegen das kulturübergreifende Vorhandensein einer allgemeinen Fähigkeit, Emotionen korrekt zu erkennen. Allerdings muss ihre Übertragbarkeit auf das Alltagsleben, die so genannte ökologische Validität, kritisch betrachtet werden. Zum einen handelt es sich um gespielte Emotionen, die zu Kommunikationszwecken produziert wurden. Demgegenüber muss man im Alltagsleben davon ausgehen, dass empfundene Emotionen nicht immer als Mitteilung intendiert und daher schwerer erkennbar sind. Zum anderen kann die bei Wahlreaktionen zwischen fest vorgegebenen Antwortalternativen erzielte Genauigkeit nicht auf Alltagssituationen übertragen werden, da man in den Alltagssituationen keine Anhaltspunkte für mögliche Zuordnungen hat.
    (Abschn. 8.4, S. 116-118).
  • Legen Sie dar, welche Gegebenheiten für das Vorliegen einer Universalgrammatik sprechen könnten.

    Lösung

    Jenseits aller kulturellen Unterschiede in der Sprachgestalt sprechen bestimmte Gegebenheiten für das Vorliegen einer Universalgrammatik:
    a) Invarianzen in der Abfolge des Spracherwerbs: Kinder machen unabhängig von der Grammatik ihrer Muttersprache während der Entwicklung ähnliche Fehler. Dies gilt einigen Forschern als Beleg für eine biologisch fundierte „Tiefenstruktur“ (im Gegensatz zur spezifischen „Oberflächenstruktur“).
    b) Kreolsprachen: An Kindern, die mit einer sog. „Pidgin-Sprache“ aufgewachsen sind, wurde beobachtet, dass sie die dürftige grammatische Struktur der Pidgin-Sprache kontinuierlich ausbauen und sie allmählich durch eine differenziertere Struktur ersetzen; es entsteht eine so genannte Kreolsprache. Obwohl diese Kreolsprachen unabhängig voneinander in weit voneinander entfernt liegenden Regionen der Erde entstanden, weisen sie erstaunlich ähnliche Strukturprinzipien auf.
    (Abschn. 9.4, S. 126 f.)
  • Definieren Sie die Begriffe „linguistische Relativität“ und „kommunikative Relativität“.

    Lösung

    „Linguistische Relativität“ ist ein Begriff aus der Kognitionsforschung (Sapir-Whorf-Hypothese). Der Terminus bezeichnet eine durch die Sprache geprägte unterschiedliche Wahrnehmung der Objektwelt.
    „Kommunikative Relativität“ bezieht sich auf die Sprachbenutzung und bezeichnet die kulturell bedingte Gestaltung konkreter sprachlicher Kommunikationshandlungen in Abhängigkeit von der jeweiligen Sprachstruktur und deren Vorgaben. So lässt sich etwa fragen, ob man aus der Tatsache, dass die japanische Sprache ein differenzierteres System von Höflichkeitsformen aufweist als die deutsche, schließen kann, dass das reale Kommunikationsgeschehen zwischen japanischen Gesprächspartnern höflicher abläuft als das zwischen deutschen.
    (Abschn. 9.5, S. 128; siehe auch Kapitel 6, Frage 3)
  • Zeigen Sie Unterschiede im Kommunikationsverhalten zwischen individualistischen und kollektivistischen Kulturen auf.

    Lösung

    Individualistische Kulturen: Der Sachinhalt dominiert den Sprachgebrauch, wobei ein direkter Sprachstil vorherrscht. Das Kommunikationsverhalten lässt eine vorwiegend selbstzentrierte Perspektive erkennen, aus der heraus das eigene Verhalten häufig erklärt und begründet werden muss, weil der situative Kontext weniger wahrgenommen wird. Paralinguistische Signale finden weniger Beachtung. Unterbrechungen durch Schweigen werden meist als peinlich empfunden.
    Kollektivistische Kulturen: Der Beziehungsaspekt bestimmt die Kommunikation, es wird ein vorwiegend indirekter Sprachstil verwendet. Die eingenommene Perspektive ist eher partnerzentriert, die eigene Meinung tritt zugunsten eines harmonischen Gesprächsverlaufs in den Hintergrund. Entsprechend werden paralinguistische Signale sensibler wahrgenommen. Schweigen fungiert als notwendiger Bestandteil der Kommunikation.
    Die genannten Unterschiede äußern sich vielfältig, u. a. in der Wahl der Themen und Wörter, in der Verwendung von Pausen und im nonverbalen Verhalten.
    (Abschn. 9.7.1, S. 131 f.)
  • Legen Sie dar, welche Ziele die Untersuchung des Zusammenhangs zwischen Kultur und Persönlichkeit verfolgt.

    Lösung

    Der Zusammenhang zwischen Kultur und Persönlichkeit wird unter zwei Perspektiven betrachtet: Aus der Perspektive der Differentiellen Psychologie wird untersucht, inwieweit die dort – meist im westlichen Kulturkreis ermittelten – Dimensionen der Persönlichkeit universell anzutreffen sind und sich kulturelle Unterschiede als Unterschiede in der jeweiligen Ausprägung der einzelnen Dimensionen beschreiben lassen.
    Aus der Perspektive der Persönlichkeitspsychologie wird gefragt, ob der in den entsprechenden Theorien postulierte Aufbau der Person funktional und strukturell universell zu konstatieren oder ob das Wesen des Menschen gar nicht unabhängig vom kulturellen Umfeld zu ermitteln ist.
    (Abschn. 10., S. 137)
  • Nennen Sie ein Beispiel für einen indigenen Ansatz in der Persönlichkeitspsychologie.

    Lösung

    Ein Beispiel ist das von dem japanischen Psychoanalytiker Takeo Doi als indigenes Konzept eingebrachte „amae“, das das spezifische Anlehnungsbedürfnis der Japaner beschreibt. Für die Existenz des „amae“ wird der „Ajase-Komplex“ verantwortlich gemacht, der dem Freudschen Ödipus-Komplex entgegengesetzt wird.
    Ebenso wie Ödipus ist Ajase eine mythische Figur, die Hass und Liebe gegenüber den Eltern symbolisiert. Während aber beim Ödipus-Komplex Hass und Liebe zwischen Vater und Mutter aufgeteilt sind und ihren Ausdruck in dem Wunsch finden, sexuelle Beziehungen zur Mutter einzugehen und den Vater zu töten, richten sich beim Ajase-Komplex Hass und Liebe nur auf die Mutter.
    Beide Komplexe sollen ihren Ursprung in der als universell angenommenen Sehnsucht nach der Mutter haben. Diese Sehnsucht wird aber bei Ajase, im Unterschied zu Ödipus, nicht durch den Vater, sondern durch die Mutter blockiert. Die Folge ist ein Groll gegen die Mutter, der aber im komplizierten Wechselspiel zwischen Schuldgefühl, Reue und gegenseitiger Vergebung aufgehoben wird.
    Das im Ödipus-Komplex verkörperte paternelle (d. h. väterliche) Prinzip, nach dem der Vater die unangefochtene Autorität verkörpert, führe zu einer Internalisierung strikter moralischer Normen. Demgegenüber fördere das im Ajase-Komplex verkörperte maternelle (d. h. mütterliche) Prinzip das Gefühl der Gegenseitigkeit, bei dem Normen an Zeit, Ort und Atmosphäre flexibel angepasst werden.
    (Abschn. 10.1, S. 138 f.)
  • Erklären Sie, was man unter einer „Antworttendenz“ („response set“) versteht. Erläutern Sie, welche Konsequenzen sich daraus für den Kulturvergleich ergeben.

    Lösung

    Unter einer Antworttendenz („response set“) versteht man eine personspezifische Neigung zur Beantwortung von Fragen. Die erhaltenen Daten bilden dann nicht die zutreffenden („eigentlichen“) Antworten ab, sondern weichen systematisch davon ab.
    Im Kulturvergleich beeinträchtigen Antworttendenzen die Erhebungsäquivalenz des Messvorgangs (vgl. Abschn. 2.2.2, S. 24). So haben Individuen aus unterschiedlichen Kulturen, auch wenn ihnen die gleichen Fragebögen vorgelegt werden, nicht mehr dieselbe „Chance“ auf eine unverfälschte wissenschaftliche Interpretation ihrer Antworten, da die Antworttendenzen interkulturell variieren. Tatsächlich gibt es konkrete Hinweise für das Vorhandensein bestimmter Antworttendenzen im ostasiatischen Raum wie der „Tendenz zur Mitte“, der „Neigung zur Bescheidenheit“ und der verstärkten Neigung, im Sinne „sozialer Erwünschtheit“ zu antworten. Für den Kulturvergleich hat dies eine eingeschränkte Interpretierbarkeit der Ergebnisse zur Folge. Es ergibt sich die Konsequenz, die eingesetzten empirischen Verfahren zu modifizieren. So könnte man die Skalenbereiche „korrigieren“ (z. B. durch Eingrenzung) oder zusätzliche Messmethoden einsetzen wie etwa Verhaltensbeobachtungen.
    (Abschn. 10.2.2, S. 143)
  • Ziehen Sie Schlussfolgerungen aus den Untersuchungen zu Geschlechtsunterschieden im Hinblick auf biologische und sozio-kulturelle Erklärungen.

    Lösung

    Kulturvergleichende Untersuchungen zu Geschlechtsunterschieden zeigen zweierlei: Erstens weisen die gefundenen Geschlechterdifferenzen konsistent immer in dieselbe Richtung, zweitens gibt es im Ausmaß der gefundenen Unterschiede eine erhebliche interkulturelle Variation.
    (Abschn. 11.1, S. 147)
    Die erste Erkenntnis spricht für eine biologische Basis der Geschlechtsunterschiede. Die zweite Erkenntnis legt nahe, dass auch sozio-kulturelle Faktoren wirksam sind. Die biologischen Erklärungsansätze berufen sich auf evolutionstheoretische Überlegungen (geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Partnerwahl und der Versorgung der Nachkommen), auf hormonelle Unterschiede (geschlechtsspezifische Unterschiede im Testosteron- und Prolaktin-Spiegel) sowie auf Unterschiede in der kindlichen Entwicklung (geschlechtsspezifische Unterschiede in der Ausbildung der Asymmetrie der Gehirnhälften).
    (Abschn. 11.2, S. 148 f.)
    Die sozio-kulturellen Erklärungsansätze machen vor allem unterschiedliche Wirtschaftsformen für das Ausmaß der Geschlechtsunterschiede verantwortlich: Die Geschlechtsunterschiede sollten in Jäger-Sammler-Kulturen geringer ausgeprägt sein als in bäuerlichen Kulturen, da in Ersteren die Geschlechtsrollendifferenzierung geringer als in Letzteren ist. Es gibt Hinweise, dass die Geschlechterdifferenzen in Jäger-Sammler-Kulturen geringer ausfallen als in Agrarkulturen, doch konnten die entsprechenden Befunde nicht generalisiert werden.
    (Abschn. 11.3, S. 149 f.)
  • Erläutern Sie die Rolle von kulturellen Wertvorstellungen als Moderatorvariablen für Geschlechtsunterschiede. Geben Sie ein Beispiel.

    Lösung

    Man nimmt an, dass sich kulturelle Wertvorstellungen im Sinne von Moderatorvariablen unterschiedlich auf das Ausmaß der gefundenen Geschlechtsunterschiede auswirken können, d. h. die Geschlechtsunterschiede können nivelliert oder verstärkt werden. Ein Bespiel sind die mit der Dimension Individualismus-Kollektivismus verbundenen Wertvorstellungen. In kollektivistischen Kulturen wird Kooperationsfähigkeit generell als wünschenswerte Eigenschaft hoch bewertet und daher unterschiedslos von Männern und Frauen angestrebt, während sie in individualistischen Kulturen als spezifisch weibliche Domäne gilt. Entsprechend fallen daher die Unterschiede zwischen Männern und Frauen in kollektivistischen Ländern geringer aus.
    (Abschn. 11.4, S. 151 f.)
  • Erläutern Sie die Rolle des Bezugsgruppeneffektes hinsichtlich der Ausprägung von Geschlechtsunterschieden.

    Lösung

    Der Bezugsgruppeneffekt wird dafür verantwortlich gemacht, dass Geschlechtsunterschiede in manchen Kulturen deutlicher hervortreten als in anderen. So zeigte sich in kollektivistischen Kulturen, dass Frauen sich bevorzugt innerhalb der eigenen Bezugsgruppe, d. h. mit anderen Frauen, vergleichen. In individualistischen Kulturen hingegen ist diese Tendenz nicht zu beobachten, hier vergleichen sich Frauen sowohl mit Frauen als auch mit Männern. Geschlechtsunterschiede sind also in kollektivistisch orientierten Kulturen von geringerer Relevanz.
    (Abschn. 11.4, S. 151).
  • Erklären Sie den Unterschied zwischen Reifung und Lernen.

    Lösung

    Unter Reifung versteht man diejenigen psychophysischen Veränderungen, die vorwiegend aus innerorganismischen Gründen entstehen wie etwa Längenwachstum und Knochenkernbildung, während als Lernen jene Vorgänge gelten, die eine aktive Auseinandersetzung des Individuums mit seiner Umwelt beinhalten.
    (Abschn. 12.1, S. 156).
  • Erklären Sie den Begriff „Entwicklungsaufgabe“.

    Lösung

    Unter einer „Entwicklungsaufgabe“ ist eine Aufgabe zu verstehen, mit der sich ein Individuum zu einem bestimmten Zeitpunkt in seinem Leben auseinandersetzen muss.
    In der frühen Wachstumsphase bestehen Entwicklungsaufgaben z. B. im Erlernen bestimmter Muster der Befriedigung elementarer Bedürfnisse, im Spracherwerb und dem Erlernen von Sozialkontakt.
    Die erfolgreiche Bewältigung einer Entwicklungsaufgabe verursacht positive Gefühle wie Glück und Zufriedenheit, während Versagen unglücklich macht, auf soziale Ablehnung stößt und sich nachteilig auf die Bewältigung späterer Aufgaben auswirkt.
    (Abschn. 12.1, S. 158).
  • Bringen Sie Belege für und Einwände gegen die universelle Gültigkeit von Piagets Stufenmodell der kognitiven Entwicklung.

    Lösung

    Piagets Stufenmodell der kognitiven Entwicklung postuliert, dass das Denken sich als handlungsmäßige Auseinandersetzung des Individuums mit seiner Umwelt in mehreren Stufen entwickelt. Auf jeder Stufe wird eine qualitative Veränderung kognitiver Prozesse erreicht. Die Stufen erfolgen einer inneren Gesetzmäßigkeit und sind daher in ihrer Abfolge invariant und irreversibel.
    Der Kulturvergleich soll prüfen, inwieweit die Abfolge der einzelnen Stufen universelle Gültigkeit beanspruchen kann. Einwände gegen die Gültigkeit sind zum einen Verletzungen der Reihenfolge der einzelnen Stufen und zum anderen ein Nicht-Erreichen der höheren Stufen. Kompatibel mit dem Modell sind dagegen Variationen des Alters, in dem die einzelnen Stufen erreicht werden, d. h. eine geringere oder höhere Geschwindigkeit der Entwicklung stellt keine Verletzung des Modells dar.
    Die meisten kulturvergleichenden Untersuchungen haben sich auf den Übergang von der prä-operativen Stufe zur konkret-operativen Stufe, die die Invarianz von Volumen, Gewicht und Menge beinhaltet, konzentriert.
    Ob ein Kind schon der konkret-operativen Stufe zugeordnet wird, hängt von der richtigen Beantwortung der jeweils gestellten Testaufgaben ab, d.h. davon, ob das Kind die Invarianz erkennt.
    Das Alter der Kinder dient als unabhängige Variable. Der Prozentsatz der Kinder einer Altersstufe, die die entsprechenden Aufgaben richtig lösen, bildet die abhängige Variable. Entsprechend dem Modell muss sich als Funktion des Alters ein monoton steigender Verlauf des Prozentsatzes richtiger Lösungen ergeben. Entscheidend ist die Verlaufsgestalt und nicht der konkrete Alterswert. Tatsächlich war in allen untersuchten Kulturen innerhalb einer bestimmten Altersspanne, deren Grenzen von Kultur zu Kultur variierten, der hypostasierte Verlauf zu beobachten. Dies kann als Beleg für die universelle Gültigkeit gelten.
    Allerdings gab es Kulturen, wo selbst bei Einbeziehung höherer Altersstufen bis hin zum Erwachsenenalter nicht mehr als die Hälfte der Testpersonen die konkret-operative Stufe erreichte. Dies kann zunächst als Einwand gegen die universelle Gültigkeit des Modells gedeutet werden.
    Entkräftet kann dieser Einwand dadurch werden, dass auf die mangelnde Vertrautheit der Kinder mit der Art von Testaufgaben verwiesen wird. Für diese mangelnde Erhebungsäquivalenz (vgl. Abschn. 2.2.2, S. 24) spricht, dass in den meisten traditionellen Kulturen ein beachtlicher Trainingserfolg zu verzeichnen war, wenn die Aufgaben in leicht abgewandelter Form mehrmals durchgeführt wurden. Es ergab sich dann ein den westlichen Kulturen vergleichbares Ergebnismuster. Dies galt selbst dann, wenn die Kinder keine Schule besucht hatten. Zusammengenommen sprechen also die Ergebnisse für die Universalität des Piagetschen Modells.
    (Abschn. 12.3.1, S. 160-163).
    Dennoch gibt es einen weiteren Einwand. Er bezieht sich auf die Teilbereiche innerhalb einer Stufe. Alle Teilbereiche einer Stufe sollten nach Piaget innerhalb nahezu derselben Zeit erreicht werden. Beispielsweise sollte auf der konkret-operativen Stufe die Invarianz von Mengen, Volumen und Gewichten zu etwa derselben Zeit als „structure d’ensemble“ erfasst werden. In empirischen Untersuchungen fand man jedoch häufig ein großes zeitliches Auseinanderklaffen zwischen den einzelnen Teilbereichen („horizontal décalage“). Dabei konnte die Geschwindigkeit und die Reihenfolge des Erwerbs der einzelnen Teilbereiche häufig mit den Erfahrungen in der kulturellen Lebensumwelt des Kindes in Zusammenhang gebracht werden.
    Die ermittelte Umweltabhängigkeit ließ manche Forscher generell an der inneren Logik der Stufenfolge zweifeln. Viele Phänomene, die Piaget als Beleg für die von ihm postulierten strukturellen Veränderungen anführte, lassen sich auch durch unterschiedliche Umwelterfahrungen interpretieren. Es wird argumentiert, dass ältere Kinder einfach deshalb manche Aufgaben besser lösen, weil sie in den in ihrer Umgebung wichtigen Inhaltsbereichen bereits effiziente Problemlösestrategien und Automatisierungen elementarer Denkoperationen erlernt haben. Das junge Kind ist nach dieser Auffassung ein „universeller Novize“. Im Laufe der Entwicklung erwirbt es Kenntnisse in den verschiedenen Inhaltsbereichen, wobei die Zeitpunkte und Verlaufsformen unterschiedlich sein können. (Abschn. 12.3.2, S. 163 f.)
  • Erklären Sie den Unterschied zwischen Organisationskultur und Landeskultur.

    Lösung

    Beide Begriffe beziehen sich auf Wertvorstellungen, Traditionen, Symbole und Praktiken. Während sich aber die Organisationskultur (auch als „Unternehmenskultur“ bezeichnet) auf Wertvorstellungen, Traditionen, Symbole und Praktiken innerhalb eines Unternehmens bzw. einer Organisation und damit auf das Arbeitsleben eines Individuums bezieht, rekurriert die Landeskultur auf die gesamte Lebenswelt des Individuums mitsamt dessen sozialer Einbindung in Familie, Beruf und Sprachgemeinschaft. Der Unterschied besteht also in der Ebene, auf der die „Kultur“ angesiedelt ist. Damit ist die Landeskultur umfassender als die Organisationskultur. Zugleich müssen die Wertvorstellungen der Unternehmenskultur nicht unbedingt denen der Landeskultur entsprechen, dies gilt insbesondere für international tätige Unternehmen, aber auch im Hinblick auf unterschiedliche Arten der Organisation (z. B. Produktionsfirma oder Behörde).
    Nach Hofstede wird das individuelle Verhalten der Mitarbeiter in einer Organisation ungleich stärker von der kulturellen Tradition des Landes als von der Organisationskultur geprägt, da Erstere im Gegensatz zu Letzterer bereits im frühen Kindesalter erworben wird.
    (Abschn. 13.1, S. 176 f.)
  • Erläutern Sie Zielsetzung der so genannten MOW-Studie.

    Lösung

    Die MOW-Studie „Meaning of Working“-Studie ist eine empirische Untersuchung zur Arbeitsethik in acht Industrieländern (Belgien, Deutschland, England, Israel, Japan, dem ehemaligen Jugoslawien, Israel und USA).
    Untersucht wurden arbeitsbezogene Einstellungen und Werte. Die zentrale Fragestellung war, ob es zwischen den untersuchten Ländern Unterschiede in der Wichtigkeit der Arbeit bzw. deren Stellenwert für das eigene Leben (im Vergleich zu anderen Lebensbereichen) gibt. Erfragt wurde auch, welchen Stellenwert einzelne Komponenten der Arbeit wie etwa der Inhalt der Arbeit oder das Einkommen einnehmen.
    (Abschn. 13.2, S. 178 f.)
  • Erläutern Sie Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen westlichen und asiatischen Führungsmodellen.

    Lösung

    Gemeinsamkeiten: Sowohl westliche als auch asiatische Führungsmodelle akzeptieren zwei Dimensionen des Führungsverhaltens, die sich als „Mitarbeiterorientierung“ und „Aufgabenorientierung“ kennzeichnen lassen. Erstere bezieht sich auf die Herstellung eines vertrauensvollen Verhältnisses zu den Untergebenen, Letztere auf die Erfüllung der anstehenden Arbeitsaufgaben.
    Unterschiede: Unterschiede zum im westlichen Kulturkreis populären „Managerial-Grid“-Modell bestehen in den asiatischen Modellen sowohl in der wechselseitigen Bezogenheit als auch in der inhaltlichen Ausdifferenzierung der beiden Dimensionen. Während im „Managerial-Grid“-Modell die beiden Dimensionen als unabhängig voneinander betrachtet werden, werden sie in den indischen und japanischen Modifikationen als miteinander in Wechselbeziehung stehend konzipiert.
    Nach dem indischen Forscher Sinha zeichnet sich eine gute Führungsperson durch einen „nurturant-task“-Stil aus. Der Stil ist gleichzeitig sowohl mitarbeiter- als auch aufgabenorientiert, doch manifestiert sich diese Orientierung in anderer Weise als im westlichen Modell. Der „nurturant-task“-Führer verhält sich paternalistisch (autoritativ, jedoch nicht autoritär), d. h. die Untergebenen werden zwar mit fester Hand, aber dennoch verständnisvoll und wohlwollend behandelt. Diese Art der Mitarbeiterorientierung ist nach Sinha in Indien oft deshalb angebracht, da die meisten Mitarbeiter dort an einen eher partizipativen Umgang mit größerer Entscheidungsteilnahme nicht gewöhnt sind.
    Das Modell des japanischen Forschers Misumi zeichnet sich durch den Fokus auf die Arbeitsgruppe im Unterschied zum westlichen Fokus auf das Individuum aus. Sowohl die Aufgaben- als auch die Mitarbeiterorientierung („P = performance“ und „M = maintenance“ genannt) sind auf die Arbeitsgruppe bezogen. Der effektivste Führungsstil zeichnet sich zwar im Allgemeinen ebenso wie im westlichen Modell sowohl durch hohe „performance“ als auch durch hohe „maintenance“ aus, doch gilt dies nicht für Mitarbeiter, die nur wenig motiviert zur Arbeit sind; bei Letzteren ist eine hohe Leistungsorientierung bei gleichzeitig geringer Mitarbeiterorientierung am effektivsten.
    (Abschn. 13.4, S. 181-183)
  • Erläutern Sie die Problematik psychiatrischer Diagnosen im Kulturvergleich.

    Lösung

    Bei der Betrachtung psychischer Störungen richtet sich das Augenmerk auf Verhalten, Denken und Erleben, das von der in einer Gesellschaft erwarteten Form, also von der „Norm“, so weit abweicht, dass es als auffällig und zugleich als pathologisch (= krankhaft) gilt.
    Im Kulturvergleich stellt sich zunächst die Frage, inwieweit eine universelle Übereinstimmung darin besteht, was als „abnorm“ zu bezeichnen ist, und inwieweit die Definition dessen, was als abweichend gilt, selbst kulturbedingt ist. Es fragt sich dann, ob die standardisierten Diagnosesysteme (ICD-10 und DSM-5) weltweit angewandt werden können. Kulturelle Unterschiede in der Diagnose ein und derselben Verhaltensweisen oder Zustände schließen jedoch nicht notwendigerweise eine konzeptuelle Äquivalenz (vgl. Abschn. 2.2.2, S. 22) aus. Eine dem Patienten mitgeteilte Diagnose beinhaltet immer einen Kommunikationsprozess, der mehr oder weniger sozial verträglich gestaltet werden kann. In jeder Kultur gibt es Abweichungen, die eher sozial toleriert, und solche, die eher stigmatisiert werden. Daher ist nicht auszuschließen, dass dieselbe Symptomatik von Psychiatern unterschiedlicher Kulturen zwar auf dieselbe Weise wahrgenommen, jedoch jeweils in anderer Weise benannt wird, um den Patienten und seine Angehörigen zu „schonen“. Beispielsweise vermutet man, dass in China die Diagnose „Depression“ stigmatisierend wirkt, während die Diagnose „Neurasthenie“ sozial toleriert wird. Kulturell unterschiedlich dürften auch die Ursachen bzw. Auslöser psychischer Störungen sein (z. B. Familienbeziehungen oder religiöse Vorstellungen).
    (Abschn. 14.1, S. 193 f.)
  • Beschreiben Sie universelle und kulturspezifische Aspekte von Angststörungen.

    Lösung

    Symptome der Angst treten in allen Kulturen auf, doch gibt es kulturelle Besonderheiten in der Art und dem Ausmaß von Angststörungen. Manche Angststörungen treten länderspezifisch gehäuft auf. Sie lassen sich in kulturgebundene Vorstellungen, kulturgebundene Angstbewältigungsformen und kulturgebundene psychopathologische Erscheinungsformen unterteilen. Ein Beispiel für kulturgebundene Vorstellungen ist die Angst vor Penisschrumpfung („koro“), Beispiele für kulturgebundene Angstbewältigungsformen sind Anthropophobie („kyofusho“) und Soziophobie, ein Beispiel für kulturgebundene psychopathologische Erscheinungsformen sind plötzliche Panikattacken („ataques de nervios“, „susto“ und „ufufuyane“).
    (Abschn. 14.4, S. 195 f.)
  • Beurteilen Sie universelle und kulturspezifische Risikofaktoren für Selbstmord.

    Lösung

    Hauptmotiv für einen Selbstmord scheint überall zu sein, ein als unerträglich empfundenes Dasein zu beenden. Damit die Handlung wirklich vollzogen wird, muss die Fähigkeit zur Ausführung hinzukommen.
    Wann ein Dasein als unerträglich empfunden wird, scheint jedoch kulturell unterschiedlich zu sein. Verschiedenartigste Variablen wurden als mögliche Kandidaten für Risikofaktoren untersucht: makroökonomische und politische Umbrüche, sozioökonomische Gegebenheiten, religiöse Überzeugungen, gesellschaftliche Toleranz gegenüber Selbstmord, Familienstrukturen, Erziehungspraktiken, Alkoholkonsum und andere mehr.
    Als kulturübergreifender Risikofaktor scheint noch am ehesten der Grad der Religiosität geeignet – in dem Sinne, dass hohe Religiosität (Religionsausübung, die soziale Unterstützung durch die Glaubensgemeinschaft und religiöse Intoleranz gegenüber Selbsttötung) das Selbstmordrisiko mindert.
    Teilweise in Einklang damit steht die von Emile Durkheim entwickelte „Anomie-Theorie“, der zufolge der Verlust von Wert-und Zielorientierungen (= Anomie) das Selbstmordrisiko erhöht.
    Vereinbar mit der Religiosität als risikominderndem Faktor ist auch der Befund, dass die Selbstmordhäufigkeit im Allgemeinen bei Frauen deutlich geringer als bei Männern ist, da die Religiosität bei Frauen höher ausgeprägt ist. Eine Ausnahme bildet jedoch China, wo die Selbstmordrate bei Frauen höher ist als bei Männern. Den Schlüssel zu einer Erklärung könnte der in China (auch heute und selbst in Mao-Zeiten) ausgeprägte Konfuzianismus liefern. Die damit verbundenen Wertvorstellungen schreiben der Frau vor, sich unterzuordnen, und bieten ihr weniger Entfaltungsmöglichkeiten als dem Mann. Dies kann für Frauen - besonders in ländlichen Gegenden - zu einer als unerträglich empfundenen Lebenssituation führen, zumal der Konfuzianismus keine Aussicht auf ein besseres Leben nach dem Tode anbietet.
    (Abschn. 14.5, S. 196-198)
  • Fertig!

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